Heiligabend am Cabo de São Vicente / Sagres, Algarve
Zwischen fünf und sechs Uhr am späten Nachmittag ist nochmal richtig was los am Kap. Ständig kommen neue Autos angefahren, eilig steigen Leute aus, mit Windjacken bekleidet, Kameras in der Hand, womöglich Sitzkissen unterm Arm – und platzieren sich auf dem Hochplateau links vom Leuchtturm. Von hier aus ist der Blick über den Atlantik am freiesten und das Gefühl die Natur würde nun nur zu unserer Plaisier ihr Sonnenuntergangsschauspiel beginnen, am stärksten.
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Manche Beobachter sitzen ziemlich nah am Abgrund, immerhin ragt die Felsplatte hier am Ende des Kontinents bis zu 30 Metern hoch aus dem Atlantik. Und unten tost es. Das Meer will an Land und ärgert sich, daß es das nicht kann. Ein kleiner Stolperer kann hier fatale Folgen haben. Ich umklammere die Leine meines Leihhundes und bin erleichtert, als er endlich seine Geschäft erledigt und ich ihn zurück ins Auto bringen kann.
Die meisten Leute treten den Rückzug an, wenn die Sonne endgültig gesunken ist, als wäre das eine Aufforderung zu gehen. Ich kraxel aber noch ein wenig herum. Hinter einer kleinen Anhöhe fällt die Felsplatte plötzlich stark ab, und man kann, wenn es einem danach wäre, ganz nah an die tiefblaue, geheimnisvoll glitzende Oberfläche des Ozeans herantreten. Vielleicht kann man ihn sogar da berühren, wo er gegen Europa brandet, es sieht jedenfalls so aus.
Links von mir übrigens, so merkwürdig, daß ich das fotografieren muss: eine riesengroße Muräne, die in der hereinbrechenden Dunkelheit auf dem Wasser schwimmt. (Die nächstgelegene Landzunge im Osten.) Zeit also zu gehn, beschließe ich.